Die Fotobestände der BallinStadt in Hamburg

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Außenansicht des Museums. © BallinStadt – Auswanderermuseum Hamburg

Alljährlich gibt das Statistische Bundesamt in seinem Datenreport die Zahl der Auswanderer aus Deutschland bekannt. Alljährlich verlassen demnach mehrere hunderttausend Menschen dieses Land. Ein beliebtes Zielland sind hierbei, wie schon zu früheren Zeiten, die USA, heute leicht und schnell per Linienflugzeug zu erreichen. Vor 160 Jahren war die Situation eine ganz andere. Auch damals erhofften sich viele Menschen in der Neuen Welt ein besseres Leben. Sie war jedoch nicht bequem auf dem Luftweg, sondern nur durch eine anstrengende und entbehrungsreiche Atlantiküberquerung per Schiff zu erreichen. Einer der großen europäischen Seehäfen für die Auswanderung nach Amerika war ab etwa 1850 Hamburg. Hier war auch die Reederei HAPAG ansässig, deren Generaldirektor Albert Ballin in den Jahren 1898 bis 1907 auf dem Amerika-Kai eine große Auswanderer-Anlage mit insgesamt dreißig Gebäuden entstehen ließ.

Hundert Jahre später, im Juli 2007, eröffnete am historischen Standort die BallinStadt Auswandererwelt ihre Pforten. In drei originalgetreu rekonstruierten Wohn- und Schlafpavillons können seitdem Besucher die Geschichten jener über fünf Millionen Menschen nacherleben, die zwischen 1850 und 1939 von Hamburg in eine verheißungsvolle Zukunft aufbrachen. Sämtliche Phasen der Emigration – vom Aufbruch zur Überfahrt bis hin zur Ankunft in New York und den Perspektiven in der neuen Welt – werden in einer interaktiven Erlebnisausstellung thematisiert. Zahlreiche historische Exponate wie authentische Briefe, behördliche Papiere und Reiseutensilien eröffnen eine sehr persönliche Sicht auf die Ereignisse. Hierzu gehören in der Dauerausstellung auch viele Fotografien von den Menschen, die ihr Heimatland verließen, von den Ozeanriesen und den Auswandererhallen. Sie stammen aus verschiedensten Quellen. Als Leihgeber sind hier u.a. zu nennen: die Hapag-Lloyd AG, das Staatsarchiv Hamburg, das Ibero-Amerikanische Institut in Berlin, Ellis Island, und das Raphaels-Werk, eine katholische Auswanderer-Betreuung, welche in der Auswandererstadt vertreten war.

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Straße in den Auswandererhallen auf der Veddel, 1907. © BallinStadt – Auswanderermuseum Hamburg

Das Museum besitzt mit mehreren Hundert Originalen eine verhältnismäßig junge, kleine Sammlung von Fotografien. Sie nahm ihren Anfang 2007 mit einem Aufruf in der Presse an Zeitzeugen und Nachkommen. Innerhalb von drei Monaten gingen mehr als 50 Auswanderergeschichten von Privathaushalten ein. Daraus wurden später einige beispielhafte Biographien in der Wanderausstellung »Lebenslinien: Biografien – von Hamburg über den Atlantik« präsentiert. Untermalt war das Leben der jeweiligen Person in den verschiedenen Stationen der Auswanderung mit Fotografien aus Familienbesitz. Seither gehen fortwährend private Nachlässe in die Sammlung des Museums ein. Die Historikerinnen und Historiker der BallinStadt versuchen, dazu stets die komplette Lebensgeschichte zu rekonstruieren, wie jene von Adolf Fiege und Elisabeth Lockenbauer, die beide 1902 über Hamburg nach Sao Paulo auswanderten – Adolf Fiege, als eines von sieben Kindern von Karl und Anna Fiege aus Sachsen, Elisabeth Lockenbauer mit ihrer Schwester Christine aus Torontal/Ungarn. In Sao Paulo lernten sie sich dann kennen und lieben. Geheiratet wurde 1906. Noch im selben Jahr folgte ein Umzug nach Buenos Aires, Argentinien. Im Jahr 1914 kehrte das Paar mit seiner fünf Jahre alten Tochter Margarita nach Europa zurück. Obwohl nur ein kurzer Besuch der dritten Schwester von Elisabeth Fiege, Katharina Lockenbauer geplant war, blieben die Fieges für immer in Deutschland: der Ausbruch des 1. Weltkrieges verhinderte eine Rückkehr nach Argentinien. Die Familie ließ sich in Hamburg nieder.

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Elisabeth Lockenbauer schickte diese Fotografie an die Familie in Ungarn.

Dabei war Katharina Lockenbauer ebenfalls zuvor nach Argentinien ausgewandert. Sie hatte jedoch auf der Überfahrt den Heizer Theodor Böttcher aus Quickborn kennen gelernt, den sie 1913 in Hamburg ehelichte, von wo aus er weiter zwischen Europa und Südamerika reiste. Auch zu ihren Leben gehörten Fotografien wie jene cabinet card mit dem Antlitz von Elisabeth Lockenbauer, welche sie zum Andenken an die Familie in Ungarn schickte. Auf der Rückseite heißt es: »Hier bin ich 20 Jahre alt. Sendet Eure Tochter Elizabeth Lokenbauer zur Erinnerung Meine lieben Eltern.« Der BallinStadt wurden die familieneigenen Fotografien von Gesa Wassmann, der Tochter Margaritas im Winter 2008 übergeben.

Generell liegt der Sammlungsschwerpunkt des Museums auf Biographien. Meist finden sich in den Ordnern zu den einzelnen Personen und Familien neben handschriftlichen Aufzeichnungen und diversen Dokumenten wie Geburts- und Heiratsurkunden oder Pässe auch Fotografien, die sie in ihrer alten Heimat oder am neuen Lebensort zeigen. Das Spektrum reicht von alten Klassenfotos über im Atelier entstandene Portraits bis zu Momentaufnahmen auf Deck und solchen, die die gesamte Dorfgemeinde des neuen Heimatortes fixieren.

Aktuell widmet sich das Ballinstadt Auswanderermuseum einem anderen Aspekt der Emigration. Unter dem Titel »Auswandern nach Down Under« präsentiert es gemeinsam mit der Hamburger Fotografin und Filmemacherin Eibe Maleen Krebs eine Fotoausstellung über das heutige Leben ehemaliger deutscher Einwanderer in Australien. Vom wöchentlichen Skatabend bis zur gemalten Alpenlandschaft auf dem Gartenzaun zeigt Krebs in ihren Bildern vor allem das alltägliche Leben deutscher Auswanderer, die in den 1950- und 1960iger Jahren ihr Glück in Down Under suchten und sich mit Elementen der alten Heimat umgaben. Flankiert wird die Sonderausstellung mit der thematischen Bearbeitung der deutschen Auswanderung nach Australien im 20. Jahrhundert sowie durch die Präsentation des Dokumentarfilms »Looking Forward Looking Back«.

Die BallinStadt ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Betreut werden die Sammlungsbestände von der Historikerin Rebekka Geitner. Über weitere Leihgaben oder Schenkungen, die zur Vervollständigung der Geschichte der Auswanderung über Hamburg beitragen, ist das Museum dankbar. Mehr unter: www.ballinstadt.de

Roswitha Salzberger
Erstmals erschienen in PHOTONEWS Dezember 2009/Januar 2010.